Chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen: Wenn ein wichtiges Warnsignal zur Belastung wird

Schmerzen, so unangenehm sie sind, haben eine wichtige Funktion für unsere Gesundheit: Sie warnen uns bei Krankheiten oder Verletzungen und tragen so dazu bei, dass diese behandelt werden können.

Doch was, wenn der Schmerz nicht mehr verschwindet, auch auf Behandlung nicht oder nur kaum anspricht? Dann handelt es sich um chronische Schmerzen, eine eigenständige Krankheit. Erfahren Sie mehr zu ihren Ursachen, Folgen und möglichen Behandlungen.

Chronische Schmerzen: Wenn der Körper dauerhaft in Alarmzustand gerät

Sicherlich jeder erlebt gelegentlich Schmerzen, die wie aus dem Nichts auftauchen, die man sich nicht erklären kann und die vielleicht sogar eine Weile andauern. Selbst wenn die Beschwerden über mehrere Wochen anhalten, spricht man von akutem Schmerz. In der Regel ist dieser auf einen bestimmten Teil des Körpers beschränkt und ein Anzeichen für ein Problem: Der Schmerz warnt uns, dass etwas nicht in Ordnung ist, zum Beispiel aufgrund einer Entzündung oder Verletzung.

Schmerzen haben damit eine lebenswichtige Funktion und tragen dazu bei, dass Erkrankungen bemerkt, diagnostiziert und idealerweise geheilt werden können. Mit der Genesung, wenn also der Auslöser für den Schmerz geheilt wird, verschwindet auch der Schmerz.

Digitale Schmerztherapie bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen: Ein sinnvolles Warnsignal wird selbst zur Erkrankung

Manche Schmerzen reagieren nicht auf Behandlungsversuche, sie kommen immer wieder, haben keine erkennbare Ursache und dauern lange an. In diesen Fällen wird der Schmerz vom wichtigen Botschafter zum eigenständigen Krankheitsbild. Dieses wird als chronisches Schmerzsyndrom, chronische Schmerzkrankheit oder chronische Schmerzstörung bezeichnet. Als Betroffener haben Sie also einen nachvollziehbaren Anspruch auf Diagnose, Behandlung, Linderung und Heilung Ihrer Schmerzkrankheit.

Wann sind Schmerzen chronisch?

Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn

  • der Schmerz länger andauert als drei Monate, nach einigen Definitionen auch sechs Monate, bzw.
  • er aus ungeklärten Gründen auch dann anhält, wenn die eigentliche akute Ursache beseitigt wurde oder
  • Schmerzen zurückkommen, wie z. B. Migräne mit wiederkehrenden Attacken. (1)

Jetzt wichtig: unterstützt und ernst genommen zu werden

Wer jeden Tag Schmerzen hat, für die es scheinbar keine Erklärung gibt, sucht oft lange nach einer Diagnose oder Behandlung. Es ist besonders wichtig, mit den Belastungen ernst genommen zu werden, sowohl im Familien- und Freundeskreis als auch von Ärzt:innen.

Gerade unspezifische chronische Schmerzen haben häufig keine physischen Ursachen, sondern können durch seelische Belastungen bedingt sein. Hierzu gehören psychosomatische chronische Rückenschmerzen oder Erkrankungen wie die Fibromyalgie oder die somatoforme Schmerzstörung. Solche psychosomatischen Schmerzerkrankungen sind häufig schwer zu diagnostizieren. Dennoch ist es gerade in diesen Fällen besonders wichtig, eine Ärztin bzw. einen Arzt zu finden, der/dem man vertraut und die/der auch mögliche psychische Auslöser in die Diagnosestellung einbezieht.

Wie entstehen chronische Schmerzen?

Für chronische Schmerzen sind mehrere Ursachen bekannt, sie können beispielsweise durch chronische Krankheiten bedingt sein, darunter Rheuma, Krebserkrankungen oder Krankheiten der Muskulatur.

Auch Veränderungen am Skelettsystem durch Alterungsprozesse (zum Beispiel Arthrose), sogenannte degenerative Veränderungen, sind mögliche Verursacher chronischer Schmerzen.

Doch was, wenn es keine erkennbaren Auslöser gibt, keine Anzeichen für eine Erkrankung?

In diesen Fällen hat sich der akute Schmerz verselbstständigt, beispielsweise wenn die Ursache der Schmerzen durch die Behandlung nicht beseitigt werden konnte.

Schmerzsignale aus dem Körpergewebe, die über einen längeren Zeitraum und in erhöhtem Maße an die Nervenzellen weitergeleitet werden, können dazu führen, dass diese immer sensibler auf Schmerzsignale reagieren, man wird also schmerzempfindlicher. Schließlich können sogar eigentlich harmlose äußere Reize heftige Schmerzen auslösen, wie eine Berührung oder leichter Druck.

Wenn die Nervenzellen durch Überreizung aus der Balance geraten, kann es sogar sein, dass sie Schmerzsignale weiterleiten, obwohl von den betroffenen Körperregionen selbst keine Schmerzsignale gesendet werden. (2) Von einer „somatoformen Schmerzstörung“ spricht man, wenn Patient:innen mindestens drei Monate anhaltende Schmerzen empfinden, die nicht hinreichend durch einen physiologischen Prozess oder eine körperliche Ursache erklärt werden können.

Warum leiden manche Menschen an chronischen Schmerzen und andere nicht?

Die Forschung untersucht verschiedene Faktoren, die dabei eine Rolle spielen könnten, darunter:

  • die genetische Veranlagung
  • psychische Vorerkrankungen (z. B. Ängste oder Depressionen)
  • psychosoziale Faktoren (z. B. traumatische Erfahrungen oder Belastungen im familiären bzw. beruflichen Umfeld etc.) (2) (3)

Zusammenspiel von Körper, Geist und Psyche

Psychosoziale Faktoren spielen häufig eine große Rolle bei länger andauernden oder häufig wiederkehrenden Schmerzen beziehungsweise somatoformer Schmerzstörung. So können bestimmte Belastungen im familiären, schulischen oder beruflichen Umfeld Schmerzen auslösen oder verstärken, zum Beispiel eine kriselnde Beziehung, ein unerfüllter Kinderwunsch, Mobbing, der schwelende Streit mit der besten Freundin. Auch Ärger mit Vorgesetzten, Termindruck im Studium oder finanzielle Sorgen können so sehr bedrücken, dass sich Probleme in lang anhaltenden psychosomatischen Schmerzen manifestieren.

Gelernte Verhaltensweisen und Empfindungen können Einfluss auf unser Schmerzempfinden und sogar auf den Verlauf einer Schmerzerkrankung haben. Umgekehrt können mangelnde Fürsorge, Aufmerksamkeit, negative Reaktionen oder Angst Schmerzen verstärken. (3)

Dass die Psyche ein bedeutender Faktor bei einem chronischen Schmerzsyndrom sein kann, bedeutet nicht, dass Betroffene sich die Schmerzen einbilden oder die Beschwerden lediglich eine Sache der richtigen Einstellung wären.  Dies sollten auch Angehörige im Umgang mit Betroffenen beherzigen.

Welche Rolle spielt das Schmerzgedächtnis?

Akute Schmerzsignale prägen die „zentrale Schmerzsensibilisierung“, so der fachliche Ausdruck für das Schmerzgedächtnis: Im Körper, genauer gesagt in Rückenmark und Gehirn, finden Lernvorgänge statt, die dazu führen, dass sich akute Schmerzsignale einprägen oder schmerzhafte Erlebnisse abgespeichert werden. Diese Empfindlichkeit bleibt bestehen, obwohl der ursprüngliche Auslöser behandelt und beseitigt wurde. Das Gehirn kann die Erfahrungen abrufen – selbst wenn es eigentlich keinen akuten Grund gibt, Schmerzsignale auszusenden.

Einmal im Schmerzgedächtnis, immer im Schmerzgedächtnis gespeichert?

Tatsächlich kann man die Lernprozesse und Erfahrungen, die zu bestimmten Speichervorgängen im Schmerzgedächtnis geführt haben, nicht vollständig auflösen. Man kann sie allerdings teilweise durch neue Erfahrungen ersetzen, beispielsweise mithilfe neuer Eindrücke und einer kognitiven Verhaltenstherapie. (4)

Hier können Sie sich ausführlich über die somatoforme Schmerzstörung informieren.

Mögliche (psychische) Folgen von chronischen Schmerzen

Wenn Sie an chronischen Schmerzen leiden, sind Sie damit nicht allein: Fast 30 Prozent der Menschen in Deutschland (ca. 23 Millionen) sind davon betroffen. Diese Beschwerden wirken sich stark auf die Lebensqualität aus. (5)

Schätzungen gehen davon aus, dass hierzulande ungefähr jeder Dritte der 23 Millionen Betroffenen von chronischen Schmerzen im Alltag stark beeinträchtigt wird, beispielsweise, weil sie oder er nicht mehr ausreichend und erholsam schlafen kann und dadurch weniger belastbar und leistungsfähig ist, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit und zum Verlust des Arbeitsplatzes. (5) Manche der chronischen Schmerzpatient:innen ziehen sich zurück und meiden Aktivitäten mit Freunden oder Familie.

Deshalb wird auch die Psyche durch eine chronische Schmerzstörung schwer belastet. Mögliche psychische Folgen von chronischen Schmerzen sind Angstzustände und Depressionen.

Mehr zu Depressionen als Folge von chronischen Schmerzen lesen Sie hier.

Sind chronische Schmerzen heilbar?

Es gibt zumindest verschiedene Möglichkeiten, chronische Schmerzen zu behandeln. Eine rein medikamentöse, schmerzstillende Therapie reicht allerdings besonders bei hohem Leidensdruck oft nicht aus, um Normalität und Lebensqualität zurückzubringen.

 

Diese Therapiemöglichkeiten gibt es

Statt mit Medikamenten zu behandeln, liegt der Fokus daher eher auf:

  • physiotherapeutischen Maßnahmen
  • Motivation zu körperlicher Aktivität, um Schon- und Vermeidungsverhalten vorzubeugen
  • Entspannungstechniken wie autogenes Training
  • Psychotherapie, beispielsweise durch kognitive Verhaltenstherapie

Somatoforme Schmerzstörungen werden ursächlich behandelt, zum Beispiel in Praxen für psychosomatische Medizin, Psychotherapie und/oder Psychiatrie. Es können auch Medikamente wie Antidepressiva eingesetzt werden.

Auch Digitale Gesundheitsanwendungen, die sofort zugänglich sind und eigenständig angewendet werden, können eine Behandlungsoption sein. Die Kosten dieser sogenannten DiGA werden nach Verordnung durch Ärzt:innen von den Krankenkassen übernommen. Sie haben auch die Möglichkeit, direkt bei Ihrer Krankenkasse dazu nachzufragen. Der Online-Kurs von Selfapy bietet Unterstützung bei chronischen Schmerzen mit psychischen und somatischen Faktoren und Rückenschmerzen, ist flexibel durchführbar und kostenfrei auf Rezept erhältlich.

Was Sie selbst tun können

Sie wünschen sich, die große Belastung durch chronische Schmerzen loswerden zu können. Es hilft, dass Sie sich informieren. Je besser Sie über Ihre Symptome Bescheid wissen und mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber sprechen können, desto leichter fällt es diesen, gemeinsam mit Ihnen den Ursachen für Ihre Schmerzen auf den Grund zu gehen und geeignete Maßnahmen vorzuschlagen, um Ihre chronischen Schmerzen zu behandeln.

In der Praxis fragt man Sie zum Beispiel nach der Dauer und Intensität der Schmerzen, welche Körperregionen betroffen sind (z. B. Muskelschmerzen, Rückenschmerzen, Bauch- oder Kopfschmerzen) und ob Sie Vermutungen zu möglichen Ursachen haben.

Möglicherweise bietet sich bei Ihnen eine Digitale Gesundheitsanwendung an, wie z. B. der Online-Kurs von Selfapy bei chronischen Schmerzen und Rückenschmerzen. Sprechen Sie Ihre Ärztin bzw. Ihren Arzt darauf an oder fragen Sie selbst bei Ihrer Krankenkasse nach.

Habe ich ein Anrecht auf Rente wegen meiner chronischen Schmerzen?

Manchmal sind Belastungen durch chronische Schmerzen so stark, dass Sie dadurch arbeitsunfähig werden. Wie sieht es dann mit Ihrer Rente aus?

Eine volle Erwerbsminderungsrente kann beantragen, wer weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann. Können Sie mindestens drei, aber höchstens sechs Stunden am Tag Ihren Beruf ausüben, kommt die Teilerwerbsminderungsrente infrage.

In beiden Fällen gelten bestimmte Voraussetzungen, beispielsweise müssen Sie mindestens drei Jahre lang in die Rentenversicherung eingezahlt haben, und zwar in den vergangenen fünf Jahren. Sie haben allerdings das Recht, die Rente durch einen zusätzlichen Verdienst aufzubessern.

Die Deutsche Rentenversicherung informiert hier über die Erwerbsminderungsrente.

Habe ich Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis?

Betroffene, die über sechs Monate unter Störungen ihrer Gesundheit leiden, die nicht typisch für ihr Alter sind, gelten aus Sicht des Gesetzgebers als Menschen mit einer Behinderung. Die Gesundheitsstörung kann körperlicher, aber auch geistiger oder seelischer Natur sein.

Der Grad der Behinderung (GdB) wird in Zehnerschritten gemessen. Wenn ein Behinderungsgrad von 50 Prozent oder höher festgestellt wird, erhalten Sie einen Schwerbehindertenausweis. Dieser berechtigt zu sogenannten Nachteilsausgleichen: Menschen mit Beeinträchtigungen haben oft erhöhte Kosten, beispielsweise für Arznei- und Hilfsmittel oder Pflege. Gleichzeitig müssen sie eventuell ihre Arbeitszeiten reduzieren und dadurch Gehaltseinbußen hinnehmen. Zudem kann die gesellschaftliche Teilhabe erschwert sein.

Diese Nachteile sollen zum Beispiel durch Ermäßigungen bei Eintrittsgeldern, kostenlose Tickets für öffentliche Verkehrsmittel, Steuerfreibeträge oder Unterstützung bei Hilfen im Haushalt ausgeglichen werden. Aber auch besonderer Kündigungsschutz, zusätzliche Urlaubstage oder Anspruch auf einen früheren Renteneintritt gehören zu Ansprüchen, die sich aus dem Grad der Behinderung ergeben.

Die Adresse der für Sie zuständigen Behörde, bei der ein Schwerbehindertenausweis beantragt werden kann, erhalten Sie vom städtischen Bürgeramt.

Der VdK Deutschland informiert hier über den Schwerbehindertenausweis und beantwortet häufige Fragen rund um den Grad der Behinderung (GdB). Der Verband berät Sie außerdem in sozialrechtlichen Fragen rund um die Erwerbsminderungsrente.

Auch die Deutsche Schmerzliga e. V. bietet Unterstützung in rechtlichen Fragen: Das Schmerztelefon erreichen Sie von Montag bis Freitag zwischen 9 und 11 Uhr; montags auch von 18 bis 20 Uhr.

Mehr zum Grad der Behinderung bei chronischen Schmerzen hat die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. hier für Sie zusammengestellt.

Quellen:
(1) DocCheck Flexikon. Chronischer Schmerz. Online unter https://flexikon.doccheck.com/de/Chronischer_Schmerz. Zuletzt abgerufen am 18.10.2022.
(2) Hans-Günter Nobis, Roman Rolke, Toni Graf-Baumann. Schmerz – eine Herausforderung. Informationen für Betroffene und Angehörige – offizielle Informationsschrift mehrerer Schmerzgesellschaften. Springer-Verlag, 2020.